Eine persönliche Kolumne
Ich habe ihn nicht gesucht. Er war einfach da.
Eines Tages tauchte er plötzlich in Windows auf, geschniegelt, prominent platziert und offenbar fest davon überzeugt, jetzt ein unverzichtbarer Bestandteil meines Arbeitsalltags zu sein. Microsoft hat mich nicht gefragt. Windows fragt einen ja selten. „ES“ informiert einen eher darüber, dass sich Dinge jetzt geändert haben und man das bitte als Verbesserung zu verstehen hat.
Die Idee hinter Copilot ist laut Microsoft anscheinend genau das, was man sich angeblich seit Jahren wünscht. Ein Assistent der Texte versteht, Aufgaben abnimmt, Dokumente analysiert und mir im Alltag Zeit spart. Gerade wenn man täglich schreibt, Projekte organisiert, Skripte vorbereitet, Videos produziert oder zwischen zehn Programmen gleichzeitig jongliert, klingt das nach echter Hilfe. Ein Computer der nicht nur startet, sondern unterstützt.
Nur fühlt sich Copilot bislang selten wie Unterstützung an. Eher wie jemand, der neben mir sitzt, sehr korrekt formuliert und mir in langen Sätzen erklärt, was ich ohnehin schon wusste. Nur mit mehr Absätzen.

Was Copilot besonders gut kann, ist professionell wirken. Das können aber so manche Pappnasen in den Büros dieser Welt auch. Die Antworten sind sauber, strukturiert und sprachlich überzeugend. Das Problem ist nur, dass ich nach dieser überzeugenden Antwort erstaunlich oft trotzdem alles selbst fertig machen muss. Statt Arbeit abzunehmen, verschiebt Copilot sie nur ein paar Minuten nach hinten. Es ist ein bisschen so, als würde jemand anbieten zu helfen, dann aber erstmal eine sehr schöne PowerPoint darüber erstellen, wie Hilfe theoretisch aussehen könnte. Man könnte es auch so erklären. Man bildet einen Arbeitskreis, der über eine Einberufung eines Arbeitskreises berät, ob der Arbeitskreis für einen Arbeitskreis… ihr wisst schon.
Gerade wenn man sich über Jahre eigene Arbeitsabläufe aufgebaut hat, merkt man das sofort. In echten Workflows zählt nicht ob ein Tool beeindruckend klingt, sondern ob es messbar schneller macht. Wenn ich für eine Aufgabe über Copilot nachdenken, formulieren, prüfen und korrigieren muss, bin ich in vielen Fällen schlicht schneller, wenn ich sie direkt selbst erledige. Das ist weniger eine philosophische, sondern mehr eine praktische Frage.
Hinzu kommt dass Microsoft weiterhin eine gewisse Leidenschaft dafür hat, neue Funktionen so einzubauen, dass man sie garantiert bemerkt. Windows hat traditionell ein Talent dafür Oberflächenentscheidungen zu treffen, die vermutlich im Meetingraum fantastisch aussehen, im Alltag aber dazu führen, dass man erstmal fünf Sekunden länger sucht, bis man wieder genau dort ist wo man eigentlich hinwollte. Copilot fügt sich in diese Tradition erstaunlich nahtlos ein. Er ist sichtbar, präsent und vermittelt konstant das Gefühl, dass ich ihn jetzt bitte auch verwenden soll. Mein Rechner wirkt inzwischen manchmal wie ein Auto, das mich während der Fahrt fragt, ob ich nicht vielleicht doch noch einen Kaffee möchte.
In gewisser Weise erinnert mich das stark an Apples Siri in den ersten Jahren. Auch Siri wurde mit enormen Erwartungen gestartet, tief ins System integriert und als intelligenter Assistent verkauft. In der Praxis wirkte das Ganze lange eher wie eine halbfertige Idee mit Mikrofon. Ob Siri künftig durch neue KI-Partnerschaften tatsächlich besser wird, wird man sehen. Aber zurück zu Microsoft.
Ein strukturelles Problem bei Copilot ist, dass er sich nicht wie ein klares Produkt anfühlt. „ES“ existiert gleichzeitig in Windows, in Office, im Browser, in Entwickler-Tools und gefühlt noch an ein paar weiteren Stellen, an denen man ihn nicht aktiv gesucht hat. Gefühlt alles heißt Copilot. Alles soll helfen, aber nichts fühlt sich wirklich wie dasselbe System an. Für Nutzer entsteht dadurch weniger ein konsistenter Assistent als vielmehr der Eindruck, dass KI gerade gleichzeitig in sämtliche Produkte eingebaut wird, weil sie dort rein muss. Und eben nicht unbedingt, weil die KI dort schon perfekt funktioniert.
Technisch ist Copilot beeindruckend. Er kann Texte analysieren, Inhalte zusammenfassen, Daten interpretieren und Vorschläge machen. Doch genau an der entscheidenden Stelle schwächelt er. Bei einem echten Verständnis meiner konkreten Situation. Er erkennt Wörter, aber nicht zwingend meine Absicht. Er sieht Informationen, aber nicht unbedingt den Kontext in dem ich arbeite. Dadurch entstehen Vorschläge die zwar formal korrekt sind, praktisch aber oft an meiner Realität vorbeigehen. Und genau dort entscheidet sich, ob ein Assistent wirklich hilft oder nur beschäftigt.
Ich glaube deshalb nicht, dass Copilot grundsätzlich ein schlechtes Produkt ist. Die Richtung mag stimmen. Die Technologie ist durchaus stark. Viele Funktionen funktionieren isoliert betrachtet sogar erstaunlich gut. Das Problem ist eher, dass Copilot sich bereits wie ein fertiges System verhält, während er sich im Alltag noch häufig wie eine öffentliche Testphase anfühlt.
Vielleicht wird Copilot in ein paar Jahren tatsächlich der digitale Assistent, den Microsoft uns allen aufzwingt bzw. uns verspricht. Vielleicht wird er irgendwann so selbstverständlich sein wie die Suche oder die automatische Rechtschreibprüfung.
Aktuell jedoch bleibt für mich vor allem ein Eindruck hängen, dass Copilot mir lediglich höflich erklärt, wie die Arbeit rein theoretisch funktionieren könnte.